Ritter der Kokosnuss
von Heike
"Das ist aber
eine Überraschung", rief Ben Cartwright erfreut, als er nach dem
Abendessen endlich dazu kam, in Ruhe den Brief zu lesen, den Hoss nachmittags vom
Postbüro aus Virginia City mitgebracht hatte. Den Tag über hatte er so viel zu
tun gehabt, dass der Umschlag unbeachtet auf dem Schreibtisch liegengeblieben
war. Joe und Hoss, die gerade ein Partie Dame spielten, blickten überrascht auf
und auch Adam, der am Kamin saß, unterbrach sein Lesen und fragte interessiert:
"Wichtige
Neuigkeiten, Pa?"
"Arthur King
und seine Tochter kommen für ein paar Tage nach Virginia City. Er hat
geschäftlich in der Gegend zu tun. Er möchte wissen, ob sie auf der Ponderosa
willkommen sind und bei uns wohnen können. Natürlich können sie, was für eine
Frage. Er ist schließlich einer meiner ältesten Freunde."
Adam lächelte
amüsiert: "Jedes Mal, wenn ich den Namen höre, bin ich fassungslos. Ich
kann einfach nicht begreifen, dass seine Eltern ihn Arthur genannt haben.
Arthur King - das ist wirklich unglaublich."
Hoss interessierte
die Artus-Sage weniger als die Erinnerung an den letzten Besuch der Kings auf
der Ponderosa: "Kein Wunder, dass er vorsichtshalber fragt, wenn ich an
seinen letzten Aufenthalt hier denke."
Auch Adam
schmunzelte, als er sich an das Chaos dachte, dass Arthur Kings Tochter in der
Zeit ihres Besuchs angerichtet hatte. "Die süße Amanda war auf jeden Fall
das schwierigstes Mädchen, das ich je erlebt habe. Kaum zu glauben, dass eine
so kleine Göre so launisch und mürrisch sein kann. Und einige recht
ungewöhnliche Ideen hatte sie ja außerdem."
Joe konnte überhaupt
nicht lachen, als er sich an die kleine, moppelige Nervensäge mit den dicken,
abstehenden Zöpfen dachte. "Der Krönung war ja wohl, als sie Cochise mit
schwarzer Farbe angestrichen hat, weil sie meinte, dass gescheckte Pferde blöd
aussehen" erinnerte er sich empört. Hoss und Adam brachen in Lachen aus,
als sie sich an den Vorfall erinnerten.
"Nun, Amanda
hat eine schwierige Zeit durchzumachen, als ihre Mutter so plötzlich starb.
Inzwischen ist sie ja ein paar Jahre älter und hoffentlich auch etwas
vernünftiger geworden", brummte Ben begütigend und bemühte sich, ein
Schmunzeln zu unterdrücken, um seinen jüngsten Sohn nicht zu kränken.
"Wie alt ist
das Mädchen jetzt eigentlich?" fragte Adam und gab sich gleich selbst die
Antwort "Sie ist etwas jünger als unser Kleiner, also etwa siebzehn oder
achtzehn, nicht wahr?"
Joe quittierte 'den Kleinen'
mit einem giftigen Blick in Richtung Adam, sagte aber nichts dazu, weil sein
anderer Bruder ihm besänftigend die Hand auf den Arm legte und schnell auf das
eigentliche Thema zurückkam: "Wann bricht denn das Unheil über die
Ponderosa herein?"
Ben hatte inzwischen
den Brief zu Ende gelesen. "Sie werden schon übermorgen mit der
Postkutsche aus San Francisco eintreffen und knapp eine Woche bleiben."
"Das ist aber
jammerschade", bedauerte Hoss augenzwinkernd, denn so ganz ehrlich meinte
er es nicht, "dann werde ich den Spaß leider verpassen. Ich soll ja morgen
wegen der Higgins-Sache nach Placerville."
"Stimmt",
bestätigte Ben, "dann kommen ja nur noch zwei meiner Söhne in Frage, die
sich während ihres Aufenthalts um Amanda kümmern wollen. Nun? Adam, Little Joe,
Freiwillige vor, wenn ich bitten darf."
Joe vergaß
augenblicklich, weiterhin auf Adam böse zu sein. Er warf seinem großen Bruder
einen hilfesuchenden Blick zu. Adam rutschte vor Schreck der Finger aus dem
Buch, den er als Lesezeichen zwischen die Seiten gesteckt hatte.
"Pa, wir haben
auch ohne Babysitter-Job schon genug zu tun", wehrte er ganz entschieden
ab.
Joe begriff sofort,
wie Adam argumentieren wollte. "Genau, wir müssen ja schließlich
zusätzlich noch die Arbeiten von Hoss übernehmen, wenn er in Placerville
ist", ergänzte er. Ben Cartwright zeigte sich unbeeindruckt vom
plötzlichen Arbeitseifer seiner Söhne.
"Keine Sorge
Jungs, derjenige von euch, der sich um die junge Lady kümmert, bekommt keine
anderen Aufgaben. Na, ist das ein Angebot?"
Dennoch, weder Joe
noch Adam konnten sich für den Vorschlag begeistern. Ben wartete auf eine
Reaktion, aber die beiden blickten ihn nur stumm an. Hoss grinste
erwartungsvoll und etwas schadenfroh.
"Nun, dann muss
ich es bestimmen", brummte ihr Vater schließlich, "Joseph, ich
möchte, dass du dich um Amanda kümmerst. Du bist genau im passenden Alter, ihr
werdet euch gut verstehen."
"Ich? Ich bin
doch kein Kindermädchen", protestierte der Auserwählte vehement. Sein
Vater lächelte. Er hatte eine Idee, wie er seinen Jüngsten zur Mitarbeit
'überreden' konnte.
"Little Joe,
ich möchte wirklich, dass Amanda sich bei uns wohlfühlt und ich weiß genau,
dass du für diese Aufgabe der Richtige bist. Ich bin natürlich gern bereit, dir
für deine außerordentlichen Mühen eine kleine Aufwandsentschädigung zu
gewähren."
Natürlich verfehlte
dieses Angebot seine Wirkung nicht. Little Joe brauchte eigentlich immer Geld.
"Aufwandsentschädigung?"
wiederholte er misstrauisch.
"Naja, Spesen, falls
du sie zu irgendwas einladen möchtest. Oder für ein kleines Geschenk. Oder ...
was weiß ich. Was hältst du von fünfzig Dollar?"
"Fünfzig
Dollar?" Little Joe zögerte bei diesem Angebot nicht lange, "okay Pa,
dafür tue ich alles, sogar Kindermädchen spielen."
"Little Joe,
Kindermädchen ist falsch, wahrscheinlich trifft Kavalier es viel besser.
Vergiss nicht, die Kleine ist inzwischen eine junge Frau", versuchte Hoss,
den jüngeren Bruder noch ein wenig zu motivieren.
Adam hatte weniger
Mitleid mit dem jüngsten Mitglied seiner Familie. "Genau. Unser kleiner
Bruder wird ganz ritterlich aufpassen, dass die keusche Königstochter diesmal
keine Pferde anmalt", neckte er mit einem belustigten Grinsen.
Ben hob mahnend die
Augenbraue. "Jungs, ich wäre wirklich sehr froh, wenn wir das Thema Amanda
King jetzt für eine Weile vergessen."
Die drei verstanden
sehr wohl, dass diese schlichte Bitte mehr Befehl als Wunsch war. Adam nahm
sein Buch wieder auf. Hoss und Little Joe widmeten sich wieder dem Damespiel.
Allerdings spielte Joe für den Rest des Abends so unkonzentriert, dass Hoss
gleich dreimal hintereinander gewann, was die Laune seines kleinen Bruders auch
nicht verbesserte.
***
Zwei Tage später
standen Ben und Joe Cartwright am späten Vormittag am Straßenrand vor dem Stage
Line Büro in Virginia City und warteten auf die Ankunft der Postkutsche.
Während Ben sich auf das baldige Zusammentreffen mit seinem Freund freute, trat
Little Joe unglücklich von einem Fuß auf den andern.
Pünktlich um elf Uhr
fuhr der rotbraune Vierspänner vor. Der Kutscher sprang vom Bock, schob die
kleine Fußbank zum Ein- und Aussteigen an ihren Platz und öffnete die Tür. Zwei
ziemlich heruntergekommene Cowboys kletterten heraus, dann Mister Olson von der
Bank und endlich die erwarteten Gäste.
Zunächst stieg
Arthur King aus der Kutsche. ein kleiner, rundlicher Mann im grauen Anzug,
selbst mit seiner komischen, runden Melone mindestens einen halben Kopf kleiner
als Ben. Die zahlreichen Lachfältchen um seine Augen tanzten, als er überschwänglich
erst seinem Freund und dann Joe die Hände schüttelte. Dann endlich erschien
Amanda. Little Joe verschlug es beinahe die Sprache.
Sie trug ein
rubinrotes, mit schwarzer Spitze besetztes Kleid nach dem neusten, großstädtischen
Chic geschneidert, das für sich allein schon die Blicke aller Umstehenden auf
sich gezogen hätte. Durch die Frau, die es trug, wurde es zur Sensation,
allerdings nicht in einem sehr erfreulichen Sinne. Amanda King hatte sich seit
ihrem letzten Besuch auf der Ponderosa vom kleinen Pummel mit abstehenden
Zöpfen in eine große, massige Frau verwandelt, die ihre üppigen Pfunde nur mit
Mühe aus der Kutsche quälte. Ihr streng nach hinten gekämmtes Haar betonte
zusätzlich ihr rundes, mürrisch dreinblickendes Gesicht. Sie reichte den
Cartwrights zur Begrüßung geziert die knubbelige Hand, und nachdem sie dieses
Mindestmaß an Höflichkeit hinter sich gebracht hatte, konzentrierte sie sich
wieder auf das, was ihr am wichtigsten war: sie selbst.
"Ich bin ganz
erledigt von der Reise. Ich hätte in San Francisco bleiben sollen. Ich habe
noch nie so eine heruntergekommene Stadt gesehen wie diese hier. Ich werde
bestimmt ohnmächtig, wenn ich diese Hitze lange ertragen muss. Ich brauche ein
heißes Bad, aber das ist hier wohl zuviel verlangt. Ich werde dieses Staub und
diesen Gestank nie mehr loswerden. Ich bin durstig. Ich bin auch hungrig, aber
was werden sie hier schon auftischen? Gekochte Klapperschlange oder
Koyotensteak mit Bohnen? Ich habe den ganzen Tag noch nichts Richtiges zu essen
bekommen. Ich..."
"Amanda!"
schalt ihr Vater, dem der Auftritt offensichtlich peinlich war. "Ich
glaube, du hast genug gesagt!"
Ben Cartwright und
sein Sohn tauschten betroffene Blicke. Sie ahnten jetzt, dass die nächsten Tage
auf der Ponderosa nicht leicht werden würden. Little Joe bemühte sich dennoch
um Freundlichkeit.
"Amanda, du
erinnerst dich hoffentlich noch an unseren chinesischen Koch auf der Ponderosa.
Ich bin sicher, dass das Abendessen, das Hop Sing für uns vorbereitet, dir
schmecken wird. Du musst nur mit deinem Vater in unseren Wagen steigen und dich
zur Ranch fahren zu lassen. Hop Sing freut sich schon darauf, unsere Gäste zu
verwöhnen."
"Auf gar keinen
Fall steige ich sofort wieder in einen von diesen klapprigen Karren. Ich bin
viel zu erschöpft nach dieser stundenlangen, entsetzlicher Schaukelei in der
Postkutsche."
"Aber es ist
gar nicht so weit zur Ranch. Wir können langsam fahren und ..." versuchte
Ben, sie umzustimmen. Vergebens. Sie stand da, die Hände in die breiten Hüften
gestemmt wie ein Bierkutscher, das Doppelkinn trotzig vorgeschoben, fest
entschlossen, wie gewohnt ihren Kopf durchzusetzen.
Zum Glück hatte der
Rancher eine Idee, bevor die Situation weiter eskalieren konnte.
"Verstehe", brummte er einlenkend, "dann werden dein Vater und
ich mit dem Wagen zur Ranch vorfahren. Und du kommst mit Little Joe nach, wenn
du dich etwas ausgeruht hast. Ich schlage vor, ihr stärkt euch mit einem
kleinen Imbiss in Miss Sullivans Teestube."
"Aber Pa",
protestiert Joe entsetzt ob dieses Vorschlags "wie sollen wir denn ohne
Wagen zur Ponderosa kommen?"
"In diesem Kaff
kann man sicher irgendwo einen Wagen mieten", belehrte Amanda ihn
hochnäsig, "einen Mietstall gibt es doch in jedem Dorf. Da drüben, direkt
nach diesem primitiven Saloon ist übrigens einer. Das steht auf dem Schild über
dem Tor - falls du lesen kannst."
Joe quittierte ihre
Bemerkung mit einem giftigen Blick, schwieg aber, als er sah, wie sehr Arthur
King schon unter dem unmöglichen Benehmen seiner Tochter litt. Ein paar Minuten
später waren Ben Cartwright, sein Gast und eine Unmenge Gepäck unterwegs zur
Ponderosa und ließen Amanda und ihren unfreiwilligen Kavalier auf dem
Bürgersteig vor dem Büro der Postkutschengesellschaft zurück.
"Und wo gibt es
nun diese Teestube, von der dein Vater sprach? Ich hoffe, ich muss bei dieser
Hitze nicht auch noch durch die ganze Stadt laufen."
Joe zuckte zusammen,
als die nörgelnde Stimme an seiner Seite ihn an seine Pflichten erinnerte. Er
zog eine Grimasse, warf dem davonfahrenden Wagen einen letzten sehnsüchtigen
Blick nach, straffte dann aber entschlossen die Schultern, deutete eine kleine
Verbeugung an, reichte ihr galant seinen Arm und sagte:
"Es ist das hübsche
weiße Haus mit den Blumenkübeln vor den Fenstern. Wenn ich die junge Dame also
zu einem Tee einladen dürfte?"
Amanda starrte ihn
einen Moment verunsichert an. Aber sie konnte nicht feststellen, dass er sich
lustig über sie machte, und sein einladendes Lächeln nahm ihr endgültig allen
Wind aus den Segeln. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm und ließ sich über die
Straße geleiten.
In der Teestube fand
Amanda schnell eine neue Gelegenheit, sich unbeliebt zu machen. Als die
freundliche Bedienung ihr stolz die erlesenen Teesorten aufzählte, aus denen
sie wählen konnte, forderte das Mädchen schnippisch:
"Soll ich etwa
Wasser mit Grünzeug trinken? Bringe mir eine heiße Schokolade. Und Kuchen, aber
fix, wenn ich bitten darf. Und binde dir eine saubere Schürze um, diese da hat
einen Fleck,"
Die junge Frau
starrte sie einen Moment betreten an und verschwand dann eilig in der Küche.
Diesmal nahm Little Joe die Unhöflichkeit seiner Begleiterin nicht kommentarlos
hin.
"Was soll das?
Wenn du schlechte Laune hast, musst du sie nicht an Sandy auslassen."
"An
Sandy?" echote Amanda spöttisch, "Sandy? Sie ist eine Indianerin,
falls dir das noch nicht aufgefallen ist. Ihre roten Brüder überfallen
Postkutschen und stehlen eure Pferde, und du redest von ihr, als gehöre sie zur
Familie."
"Das tut Sand-on-the-bank-of-the-lake-under-the-moon vermutlich
auch bald. Adam geht jedenfalls schon eine Weile regelmäßig mit
ihr aus", erklärte Joe eisig. Er kochte vor Wut, und seine
Selbstbeherrschung schmolz dahin, je länger er Amanda ertragen musste. Sie
starrte ihn fassungslos an.
"Sand-on-the-wie-auch-immer...sie
ist ... Adams Freundin?" fragte sie schließlich ungläubig.
"Sand-on-the-bank-of-the-lake-under-the-moon", korrigierte Joe
ärgerlich. Nicht einmal einen indianischen Namen konnte sich
die dumme Pute merken. "Adam trifft sich schon eine Weile mit ihr. Und ein
paar von ihren pferdestehlenden Brüdern arbeiten für uns. Pa ist sehr zufrieden
mit ihnen. Ich glaube allerdings nicht, dass er sie Postkutschen überfallen lässt."
Das brachte Amanda
endgültig zum Schweigen. Miss Sullivan kam persönlich an ihren Tisch und
brachte Tee für Joe und für Amanda die heiße Schokolade und den Kuchen. Die
mütterliche Frau war höflich, aber längst nicht so freundlich und mitteilsam
wie sonst. Little Joe vermutete nicht ganz zu Unrecht, dass Sandy weinend in
der Küche saß und die Besitzerin der Teestube den dafür verantwortlichen Gast
am liebsten vor die Tür gesetzt hätte. Amanda schien die Ablehnung nicht zu
spüren. Sobald der Kuchen vor ihr stand, interessierte sie sich für nichts
anderes mehr. In Windeseile hatte sie Teller und Tasse geleert, und kaum war
der letzte Krümel verschwunden, erklärte sie gönnerhaft:
"Also gut,
jetzt kannst du mich zur eurer Ranch fahren. Aber vorher will ich noch etwas
von dem Gebäck mitnehmen. Das ist wirklich köstlich, hätte ich dem Laden hier
gar nicht zugetraut."
Little Joe erfüllte
ihr auch diesen Wunsch, obwohl er kaum glauben konnte, dass sie nach zwei
großen Stücken von Miss Sullivans Kirschkuchen noch an Essen denken konnte.
Dann lieh er beim Mietstall einen Einspänner, und endlich waren er und Amanda
auf dem Weg nach Hause.
Auf der Fahrt zur
Ranch saß sie teilnahmslos neben dem jungen Mann und außer gelegentlicher Klagen
über das Tempo oder das Holpern sagte sie nichts. Die beiden kamen gerade
rechtzeitig auf der Ponderosa an, um sich fürs Abendessen frisch zu machen, Joe
stellte ungläubig fest, dass das Mädchen trotz der Torte noch mindestens soviel
aß wie er selbst.
Der Abend auf der
Ranch verlief ruhig und ohne weitere Peinlichkeiten. Ben ließ sich von seinem
Freund nur zu gern zu einer Partie Schach überreden; Adam und Joe spielten
Dame, nachdem sie erleichtert festgestellt hatten, dass Amanda nicht an ihrer
Gesellschaft interessiert war. Offensichtlich hatte Hop Sings kulinarische
Meisterleistung die junge Frau friedlich gestimmt. Sie hatte im Bücherschrank
unter Adams Büchern einige entdeckt, die von Europa berichten, und mit denen
hatte sie sich in den großen Ohrensessel am Kamin verschanzt.
Nachdem Ben und
Arthur ihr Schachspiel beendet hatten, sorgte der Rancher dafür, dass alle ein
Gläschen Brandy als Schlaftrunk eingeschenkt bekamen. Die Männer unterhielten
sich noch eine Weile über die geschäftlichen Vorhaben, die Bens Freund nach
Virginia City geführt hatten. Amanda stand mit einem absolut gelangweiltem
Gesichtsausdruck daneben, nippte ab und zu an ihrem Glas und sagte kein
einziges Wort. Als sich die Gäste nach oben in ihre Zimmer zurückzogen, blieben
die Cartwrights noch einen Moment im Wohnzimmer, um die anstehenden Aufgaben
für den nächsten Tag zu besprechen.
"Pa, diese Frau
ist einfach unmöglich. Ich kann sie nicht ausstehen", jammerte Joe, kaum
das die beiden Kings außer Sicht- und Hörweite waren, "Adam, kannst du
dich nicht mit ihr abgeben? Bitte, ich mache dafür, was du willst. Du kriegst
sogar die fünfzig Dollar, die Pa mir gegeben hat."
Ben mischte sich
schnell ein, bevor Adam antworten konnte.
"Ja, sie ist
wirklich ungewöhnlich", stimmte er bedächtig zu, "ich möchte wissen,
ob sie mehr aus sich herausgeht, wenn man über etwas spricht, das ihr wichtig
ist."
"Du meinst
Essen?" spöttelte Adam belustigt, aber sein Vater fand die Bemerkung nicht
witzig und quittierte sie mit einem missbilligendem Blick. Dann wandte er sich
wieder an seinen Jüngsten.
"Joe, du warst
doch heute eine ganze Weile mit ihr zusammen. Worüber habt ihr gesprochen? Was
interessiert sie? Wenn sie Adams Bücher mag, möchte sie vielleicht mal nach
Europa reisen? Liest sie zu Hause auch so gern? Was macht sie eigentlich den
ganzen Tag in San Francisco?"
Joe starrte seinen
Vater verständnislos an, dann zuckte er mit den Schultern. "Keine Ahnung.
Sie sagt ja kaum was. Und das, was sie sagt, ist bloß dumm."
"Ich habe sie
heute Abend nichts Dummes sagen hören", erwiderte Ben nach kurzem
Nachdenken ruhig, "aber du hast ja viel mehr Zeit mit ihr verbracht. Hat
sie denn gar nichts Nettes an sich, das für sie spricht? Wie ist denn ihr
Lachen?"
"Ihr
Lachen?" wiederholte Joe ratlos. "Worüber sollte die denn
lachen?"
"Hmm",
mische sich Adam ein, der langsam die Absicht seines Vaters erahnte "die
Mädchen in deiner Gesellschaft kichern doch eigentlich schrecklich gern, wenn
du sie unterhältst."
"Das ist ja
wohl was anderes!" fauchte Joe empört, "das sind andere
Mädchen."
"Ist es
das?" fragte sein Vater ernst, "du weißt nicht, was sie mag oder was
sie denkt oder was sie fühlt. Du kennst ihr Lachen nicht und vermutlich auch nicht
ihr Weinen. Du weißt nichts über sie, aber du weißt, dass du sie nicht
ausstehen kannst. Und nur, weil sie etwas mehr wiegt als die Mädchen, mit denen
du gern zusammen bist."
Joe schüttelte
vehement den Kopf. "Nein, nicht nur weil sie dick ist. Aber sie ist dazu
noch eingebildet, unhöflich und rücksichtslos."
"Hast du ihr
denn eine Chance gegeben anders zu sein? Als sie aus der Postkutsche stieg,
stand deine Meinung doch eigentlich schon fest. Vielleicht benutzt sie ihre
Unfreundlichkeit nur als Schutzschild", gab sein Vater vorsichtig zu
bedenken "weil sie schon öfter auf Ablehnung gestoßen ist oder weil sie
einfach unsicher ist. Manchmal verbirgt sich hinter einer rauhen Schale ein
ganz weicher Kern."
Langsam begann Joe
zu verstehen.
"Du meinst, ich
sollte ihr erst einmal Gelegenheit geben zu zeigen, was in ihr steckt?"
Ben nickte.
"Genau das. Ich bin froh, dass du mich verstehst, mein Sohn."
Joe seufzte und gab
sich geschlagen. "Also gut Pa, ich kümmere mich weiter um sie. Aber wenn
deine harte Schale - weicher Kern Theorie stimmt, ist sie bestimmt eine
Kokosnuß." Adam wollte etwas dazu sagen, aber Joe kam ihm in einem Anflug
von Selbstironie zuvor und ergänzte trocken: "und ich bin der Affe, der
sie knackt."
Alle drei lachten,
als sie nach oben gingen.
***
Offenbar hatte
Amanda gut geschlafen, denn beim Frühstück am nächsten Morgen schaufelte sie
schon wieder enorme Mengen in sich herein. Und offensichtlich versetzten sie
die leckeren Pfannkuchen mit Ahornsirup und die anderen Köstlichkeiten, die Hop
Sing aufgeboten hatte, in ausgesprochen gute Laune, denn plötzlich überraschte
sie alle, als sie ganz von alleine ein Gespräch begann:
"Onkel Ben, was
ist eigentlich aus dem hübschen Hengstfohlen von damals geworden? Hast du es
verkauft?"
"Du meinst den
kleinen Fuchs, der geboren wurde, als du das letzte Mal hier warst? Der ist
noch hier. Der Kleine hat sich prächtig entwickelt."
"Kann ich ihn
sehen?" Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass ihr Vater, Adam und Little Joe
sie sprachlos anstarrten. Sie blickte verschämt auf ihren Teller.
Ben Cartwright half
ihr freundlich aus der Verlegenheit: "Das ist eine gute Idee, eine sehr
gute Idee. Der Fuchs ist in der Herde am Bears Canyon. Wenn du möchtest, kannst
du gleich nach dem Frühstück aufbrechen. Joe begleitet dich bestimmt gern. Der
Weg dahin ist nicht schwierig zu reiten."
"Oh",
murmelte das Mädchen enttäuscht, "ich kann nicht reiten. Ich habe noch nie
auf einem Pferd gesessen."
"Mit dem Wagen
kommt man da aber leider nicht hin", erklärte Adam bedauernd.
"Ich kann
Amanda doch im Reiten unterrichten", überraschte da plötzlich Little Joes
ritterlicher Vorschlag die Frühstückstafelrunde "und wenn sie sich in ein
paar Tagen sicher genug fühlt, reiten wir zum Bears Canyon." Er lächelte
Amanda aufmunternd zu: "Gleich nach dem Frühstück ziehst du dich um, und
wir fangen an."
"Umziehen? Was
ist denn nicht in Ordnung mit meinem Kleid?" fragte das Mädchen und sah
unsicher an sich herunter. An diesem Morgen trug sie ein dunkelgrünes Kleid,
nicht weniger auffällig und nicht weniger elegant als das Rote vom Tag zuvor.
"Ganz im
Gegenteil, das Kleid ist bezaubernd", beruhigte Adam sie galant lächelnd,
"aber gerade deshalb eignet es sich nicht zum Reiten. Da wäre eine Hose
besser geeignet."
Ben gewann ein wenig
den Eindruck, dass beide Söhne ihrem Gast gegenüber nicht mehr so ablehnend
eingestellt waren. Er zwinkerte Arthur belustigt zu.
"Eine
Hose?" fragte Amanda gedehnt und erklärte dann sehr entschieden: "Ich
ziehe keine Hosen an."
"Aber heute
tragen doch auch Frauen Hosen beim Reiten. Das ist nämlich bequemer",
versuchte auch Joe, sie zu überzeugen.
"Woher willst
du das wissen?" konterte das Mädchen schnippisch, "bist du schon mal
in Kleidern geritten?"
"Amanda!"
mische sich nun ihr Vater ein, "du solltest dich freuen, dass Little Joe
dir helfen will, anstatt dich so kindisch zu benehmen."
"Aber ich
besitze gar keine Hose", erklärte sie triumphierend. Doch sie freute sich
zu früh.
"Dann kauf' dir
eine!" befahl Arthur King kurz und bündig. Seine Tochter schnappte
überrascht nach Luft, schwieg aber nun trotzig.
Also kutschierte Joe
sie nach dem Frühstück wieder nach Virginia City. Der junge Cartwright rechnete
wieder mit einer schweigenden Begleiterin, und zunächst saß Amanda auch stumm
neben ihm und starrte unglücklich auf das Pferdehinterteil vor ihnen. Aber
plötzlich brach sie ihr Schweigen und es wurde klar, was sie die ganze Zeit so
bedrückte:
"Ob es wohl
Hosen in meiner Größe gibt? Ich meine, ich bin ... also ich...ich sehe bestimmt
schrecklich aus in einer Hose."
Little Joe brachte
das Pferd zum stehen und sah Amanda an. Er fühlte intuitiv, wie wichtig seine
Antwort für das Mädchen sein würde. Er dachte an die Worte seines Vaters vom
vorangegangenen Abend.
"Weißt du, das
Pferd achtet eigentlich gar nicht so sehr darauf, was du anhast. Es hat viel zu
viel damit zu tun, darauf zu achten, ob du am Zügel ziehst oder ihn freigibst,
wie du im Sattel sitzt oder was du mit deinen Schenkeln tust", alberte er
gekünstelt.
"Du meinst, dem
Pferd ist es egal, was ich anhabe? Da bin ich aber froh", sagte Amanda und
zu Joes Überraschung huschte sogar ein Lächeln über ihr Gesicht. Aber dann
wurde sie wieder ernst. "Und was denkst du?"
"Hm",
antwortete Little Joe nach kurzem Nachdenken "was ich denke, ist
eigentlich genauso egal. Wichtig ist, dass du dich wohlfühlst. Und wenn du
keine Hosen magst, wie wäre es dann mit einem Hosenrock? Miss Langley verkauft
Stoffe in ihrem Laden, und sie ist Schneiderin. Ich bin sicher, sie kann dir
was Hübsches nähen."
"Ich kann
selbst ganz gut nähen, und ein Hosenrock ist eine tolle Idee. Bring mich nur
schnell zu dieser Miss Langley, ich möchte mir einen schönen Stoff aussuchen.
Ob es etwas in Blau gibt? Ich mag Blau."
Amanda war plötzlich
Feuer und Flamme von der Idee. Joe trieb das Pferd wieder an. Bis sie in die
Stadt kamen, löcherte Amanda ihn mit tausend Fragen zum Thema Reiten: Wie
schwer ein Sattel ist, warum man immer von links aufsteigen soll, ob die
Gebissstange nicht weh tut im Pferdemaul, wie alt ein Pferd ist, wenn man es
zureitet und und und. Joe gab sich alle Mühe, ihren Wissensdurst zu stillen und
war fast ein bisschen überrascht, als sie plötzlich mitten in Virginia City
standen.
"Wir sind
da", erklärte der junge Mann und sprang von der Kutsche. Dann half er
seiner Begleiterin galant beim Aussteigen. "'Langlys Ladies' ist gleich da
vorne, neben dem Barbier."
"Danke."
Sie lächelte ihn tatsächlich an, und Little Joe lächelte verblüfft zurück.
"Hast du nichts
zu erledigen in Virginia City? Ich denke, ich werde eine Weile brauchen, bis
ich mich entschieden habe. Du könntest mich in einer halben Stunde dort
abholen."
"Nein...das
heißt ja .. ich meine, ich hole dich ab." Joe war froh, nicht in diesem Laden,
in dem es logischerweise nie männliche Kunden gab, ausharren zu müssen. Er
wartete, bis Amanda die Straße überquert und das Geschäft erreicht hatte, dann
ging er hinüber zum Waffenschmied, um, wahrscheinlich zum hundertsten Mal, das
neue Gewehr im Schaufenster zu betrachten, das er sich so gern gekauft hätte.
Amanda betrat den
Laden und fühlte sich sogleich in ihrem Element. Miss Langley hatte eine ganze
Reihe von blauen und blau-gemusterten Stoffen, die sich für einen Hosenrock zu
eignen schienen und gab hilfsbereit Auskunft über Material, Qualität und Preis.
Während das Mädchen noch unentschlossen die Stoffballen hin und her schob,
betraten drei neue Kundinnen den Laden. Es waren drei junge Mädchen, die, kaum
dass sie Amanda sahen, kicherten und sie provokativ anstarrten.
"Ist das nicht
die Tussi, mit der Little Joe seit kurzem rumzieht?" fragte eine von
ihnen.
"Ja, genau,
gestern war er mit ihr in Miss Sullivans Teestube. Die ist ja kaum zu
übersehen. Vielleicht sucht sie schon Stoff für ein Brautkleid", alberte
die nächste.
"Soso, möchte
sich einen Cartwright angeln, die Dicke. Hoffentlich hat Miss Langley
ausreichen Stoff für ein Kleid. Zwei Ballen müssen es ja mindestens sein, nicht
wahr?" meinte die dritte.
Alle drei kicherten
ausgelassen. Sie hatten sich nicht die Mühe gemacht, leise zu sprechen, und so
hatte das Mädchen jeden Wort verstanden. Mit hochrotem Kopf stürzte sie aus dem
Laden, ohne etwas zu kaufen.
Joe Cartwright
beobachtete von der anderen Straßenseite überrascht, wie zunächst Amanda aus
dem Laden gehastet kam, und kurz darauf noch drei Mädchen von Miss Langley
offensichtlich aus dem Geschäft gescheucht wurden. Eilig lief er hinüber zum
Laden und hörte gerade noch, wie Miss Langley den jungen Frauen nachrief:
"Ihr solltet
euch was schämen. Kommt wieder, wenn ihr gelernt habt, euch zu benehmen."
"Was war denn
los? Was hat sie nun schon wieder angestellt?" fragte der junge Mann
ärgerlich. Dahinter steckte gewiss wieder eine von Amandas Eskapaden. Doch zu
seiner Überraschung erzählte Miss Langley eine ganz andere Geschichte. Little
Joes Ärger wandelte sich in Bestürzung.
"Das war
wirklich gemein von Dorothy Lewis und ihren Freundinnen. Ich muss sie sofort
suchen", erklärte er mitleidsvoll.
"Lass ihr ruhig
ein bisschen Zeit, die Fassung wiederzufinden, Little Joe", riet Miss
Langley "weißt du zufällig, wofür sie den Stoff braucht? Ich möchte ihr
nämlich gern etwas mitgeben, als Wiedergutmachung sozusagen."
"Sie wollte
sich einen Hosenrock nähen - zum Reiten."
"Einen
Hosenrock?" Miss Langley runzelte missbilligend die Stirn. "Das
sollte sie lieber lassen. Das steht ihr nicht. Was sie braucht, ist eine gut
geschnittene Hose. Da fällt mir ein ... warte bitte einen Moment hier."
Schon war sie in ihrem
Geschäft verschwunden. Little Joe lehnte sich demonstrativ unbeteiligt an einen
Holzpfosten, während er vor Langleys 'Ladies' ausharrte und sorgsam vermied,
sich die Auslagen im Schaufenster anzusehen. Er betete inständig, dass keiner
seiner Freunde ihn gerade dort erspähte.
Endlich kam Miss
Langley zurück. Sie drückte ihm ein kleines, sorgfältig verschnürtes Päckchen
in die Hand.
"Das ist eine
Hose, die ich mal genäht habe. Sie wurde aber nie abgeholt. Nimm sie für Miss
King mit und sag dem Mädchen, wie leid mir der Vorfall tut", erklärte sie
energisch.
Little Joe nahm das
Paket, erinnerte sich aber plötzlich an Amandas Bedenken.
"Ob das wohl
die richtige Größe ist? Amanda ist nämlich ... ich meine ... sie meint ...
"
"Junger Mann,
ich bin seit zwanzig Jahren Schneiderin. Wenn ich sage, die Hose passt, dann
paßt sie auch. Die junge Dame muss höchstens die Beine etwas kürzen, aber wenn
sie sich zutraut, einen Hosenrock zu nähen, wird das sicher kein Problem
sein."
Miss Langley ließ
keinen Zweifel an ihrer Kompetenz zu, und unter ihrem strengen Blick verstummte
der jüngste Cartwright schuldbewusst. Er dankte, verabschiedete sich höflich
und ging zurück zum Wagen. Dort verstaute er das Päckchen, schob den Hut in den
Nacken und sah sich prüfend um. Seine Hoffnung, dass das Mädchen vielleicht bei
der Kutsche auf seine Rückkehr wartete, erfüllte sich nicht. Amanda war
nirgendwo zu sehen. Unbehaglich malte er sich aus, was sein Vater sagen würde,
wenn er ohne den Gast zur Ranch zurückkäme. Er seufzte und schob entschlossen
den Hut wieder gerade. Er musste sich wohl oder übel auf die Suche nach ihr
machen.
Es gab eigentlich
nur einen Ort in Virginia City, den sie kannte: Miss Sullivans Teestube. Dort
musste er mit der Suche beginnen. Amanda war tatsächlich in die Teestube
geflüchtet und saß jetzt an einem der Tische, vor sich Tee und einen großes
Stück Kuchen. Bei ihr am Tisch saß - und hier wartete die zweite Überraschung
auf Little Joe - bei ihr saß Sand-on-the-bank-of-the-lake-under-the-moon und hielt
tröstend ihre Hand. Die beiden Frauen hatten die Köpfe zusammengesteckt und
Sandy redete leise flüsternd auf Amanda ein.
Als Little Joe an
ihren Tisch trat, blickte nur die Indianerin auf. Amanda hielt den Kopf
gesenkt, weil der junge Mann ihre Tränen nicht sehen sollte. Joe merkte, dass
er störte, aber es wäre auch unhöflich gewesen, grußlos wieder zu gehen.
"Hallo Sandy,
wie geht's?", begann er, so unbekümmert wie möglich, und vermied jede
Anspielung auf das Geschehene, "Amanda, ich wollte dir nur sagen, dass ich
noch etwas erledigen muss. Ist es dir recht, wenn wir uns in einer halben
Stunde an der Kutsche treffen?"
"Ja, ich warte
dann dort", schluchzte Amanda in ihren Kuchen hinein.
"Also dann,
Ladies, ich muss wieder los." Joe tippte kurz an den Hutrand und trat
unbehaglich den Rückzug an, traurig darüber, dass er das Mädchen nicht besser
trösten konnte. Über Amandas Kopf hinweg nickte Sandy ihm aufmunternd zu, sie
würde sich schon darum kümmern.
Zur verabredeten
Zeit wartete Amanda am Wagen. Ihre Tränen waren verschwunden, aber sie sah
immer noch traurig aus und ließ sich diesmal auch nicht von Joes freundlichen
Lächeln anstecken. Während der gesamten Rückfahrt schwieg sie und presste nur
die Tüte mit Gebäck an sich, die Sandy ihr mitgegeben hatte. Little Joe gab es
nach einigen vergeblichen Versuchen auf, sie aufzuheitern oder wenigstens von
ihrem Kummer abzulenken. Als sie endlich wieder auf der Ranch angekommen waren,
lief das Mädchen sofort ins Haus, während Joe sich daran machte, das Pferd auszuspannen.
Als Little Joe eine
Weile später mit Miss Langleys Päckchen unterm Arm eintrat, war Hop Sing gerade
dabei, ein Tablett mit Sandwichs und einem Glas Milch zur Treppe zu tragen.
"Hallo Hop
Sing. Für wen ist denn das?"
"Das sein Elflischung
fül Missi Amanda. Sie sehl tlaulig."
"Allerdings",
bestätigte der jüngste Cartwright bekümmert, "warte, ich nehme dir das ab
und bringe es ihr."
Also trippelte Hop
Sing zurück in sein Küchenreich, und Joe trug das Tablett vorsichtig die Treppe
hinauf. Er klopfte kurz an Amandas Zimmertür und nahm das leise "Ja?"
als Aufforderung einzutreten.
Amanda saß im
Sessel, ein Buch und die Tüte Gebäck neben sich auf dem kleine Tisch. Sie
starrte aus dem Fenster, ohne sich umzusehen.
"Hop Sing hat
dir eine kleine Elflischung feltiggemacht", parodierte Joe freundlich den
kleinen chinesischen Koch der Ponderosa und stellte das Tablett auf dem
Tischchen ab. Das Geschenk von Miss Langley legte er daneben. Das Mädchen
drehte sich um. Es war nicht zu übersehen, dass sie wieder geweint hatte.
"Danke."
Da sah sie das Päckchen. "Was ist das?"
"Ich weiß nicht
genau. Das hat Miss Langley für dich eingepackt. Ich bin übrigens draußen,
falls es dir hier oben alleine zu langweilig werden sollte."
Little Joe ging zum
Stall und begann lustlos damit, Sattelzeug zu flicken und die Sattelkammer
aufzuräumen. Dabei ging ihm das Mädchen nicht aus dem Kopf. Sie tat ihm leid,
und es machte ihn richtig wütend, wenn er daran dachte, wie grausam Dorothy
Lewis und ihre Freundinnen sich ihr gegenüber benommen hatten. Ärgerlich kickte
er gegen einen leeren Eimer, der scheppernd durch den Stall flog.
"Hat dir der
Eimer was getan?" fragte jemand.