Freund oder Feind?

von Heike

 

"Mann, wäre ich jetzt gern in der Kirche", stöhnte Little Joe Cartwright, während er die Füße fest in den Boden stemmte und mit aller Kraft an dem Seil zog, das um den abgesägten Baumstumpf geschlungen war. Sein Freund, der von der anderen Seite versuchte, das hölzerne Ungetüm aus dem Boden zu hieven, ließ die dicke Eisenstange, die als Hebel fungierte, sinken. Dankbar für die kleine Pause in der glühenden Hitze trank er erst einen Schluck Wasser aus seiner Feldflasche und fragte dann:

"Was hast du gerade gesagt? Ich hab' dich nicht verstanden."

 

"Ach, nichts", erwiderte Little Joe und nahm dankend die Wasserflasche, die der andere ihm entgegenhielt. Er wusste genau, dass Perry Hike sich über seine Bemerkung, die ihm unbedacht herausgerutscht war, nur lustig machen würde.

 

Aber sein Freund blieb hartnäckig. "Doch, du hast was über Kirchen gesagt. Was?"

 

Der andere würde sowieso keine Ruhe geben, also gestand Little Joe verlegen: "Ich sagte, ich wäre jetzt gerne in der Kirche."

 

Perry starrte ihn einen Moment fassungslos an und brach dann in schallendes Gelächter aus. "Du hast einen Sonnenstich. Okay, ich weiß, seit Tagen hast du nur festsitzende Baumstümpfe, wackelnde Zaunpfähle und mein dummes Gesicht zur Gesellschaft, aber trotzdem - Kirche? Das ist wirklich bescheuert. "

 

"Ist es nicht! Wir arbeiten jetzt seit zwei Wochen ununterbrochen hier draußen und ich brauche wirklich ein bisschen Abwechslung. Und es ist schließlich Sonntagvormittag", schmollte Little Joe.

 

"Weiß' der Himmel, warum ihr sonntags immer in die Kirche müsst", mokierte sich der junge Mann kopfschüttelnd und nahm die Eisenstange wieder in die Hand.

 

"Genau", bestätigte sein Freund nachdrücklich und nahm ebenfalls das Seil wieder auf. Perry warf ihm einen fassungslosen Blick zu, sagte aber nichts mehr dazu.

 

Sie arbeiteten etwa eine Stunde schweigend in der Hitze, da erschien plötzlich ein unerwarteter Reiter auf der Hochebene.

 

"Das ist Adam", erklärte Little Joe verwundert, "ich dachte, der fällt Bäume am King's Canyon."

 

Wenig später sprang Adam Cartwright gutgelaunt neben den beiden jungen Männern aus dem Sattel. "Hallo ihr beiden - habt ihr ein bisschen Wasser übrig für einen armen, müden Holzfäller?"

 

"Klar", lachte sein kleiner Bruder und reichte im die Wasserflasche, "aber solltest du nicht irgendwo eine Axt schwingen? Pa wird es nicht mögen, wenn du hier blau machst."

 

"Im Gegenteil, Pa wird begeistert sein. Wir sind so gut wie fertig da unten, spätestens übermorgen können wir mit dem Abtransport der Stämme beginnen." Er strahlte voller Stolz, fügte dann anerkennend hinzu: "aber ihr habt auch nicht auf der faulen Haut gelegen, wie ich sehe. Wenn die Herde übernächste Woche hier eintrifft, findet sie eine prima Weide vor."

 

"Könnt ihr mir vielleicht mal erklären, warum euer Vater 5000 Rinder von Oregon herbringen lässt? Habt ihr nicht schon genug Kühe hier rumstehen?"

 

"Pa hat schon mehrfach versucht, durch eine andere Rasse die Zucht zu verbessern. Und diese Herde konnte er günstig bekommen, also hat er nicht lange gezögert. Das einzig Ungewöhnliche an der Sache ist, dass der Verkäufer unbedingt Bargeld haben will, wenn er hierher kommt. 10 Dollar pro Kopf, das sind 50 000 Dollar", antwortet Little Joe.

 

Perry pfiff leise durch die Zähne.

 

"Das ist verdammt viel Geld. Habt ihr das einfach so in der Schreibtischschublade rumliegen?" staunte der junge Mann. Er lebte noch nicht lange auf der Ponderosa, und manchmal konnte er die unbekümmerte Art der Cartwrights mit ihrem Geld und ihrer Macht umzugehen kaum begreifen.

 

"Keine Ahnung, am besten, du fragst Pa selbst", schlug Adam vor.

 

"Mach' ich."

 

Die beiden Brüder zwinkerten sich zu.

 

"Er wird's dir aber nicht verraten", erklärte Little Joe sachlich, "weil du ein Bandit bist."

 

"Und weil du mit der Knete bei der nächsten Gelegenheit durchbrennst", ergänzte Adam todernst.

 

Perry musterte die beiden prüfend. Erleichtert stellte er fest, dass sie sich ein Lachen kaum verkneifen konnten.

 

"Aber vorher werde ich euch in euren Betten ermorden und das Haus niederbrennen", stieg er augenzwinkernd auf den Scherz ein.

 

Ben Cartwright hatte Perry Hike vor ein paar Monaten auf seine Ranch geholt und der junge Herumtreiber hatte sich anfangs sehr schwer getan zu akzeptieren, dass die Cartwrights sich tatsächlich nicht daran störten, dass er es mit den Gesetzen nicht so genau genommen hatte und sogar schon mal im Gefängnis gewesen war. Inzwischen fühlte sich der Bursche aber beinahe schon wie ein Familienmitglied, und solche Scherze konnten ihn nicht mehr erschrecken.

 

"Apropos Bett, ich wollte jetzt zur Ranch reiten, um Pa über das Holz zu informieren und um endlich mal eine Nacht im eigenen Bett zu pennen. Ihr seid doch auch schon fast fertig hier, gönnt euch doch einfach eine Pause und reitet mit mir heim", erklärte Adam.

 

"Es ist fast ein Tagesritt von hier bis zur Ranch", gab Little Joe zu bedenken, "hin und zurück zwei Tage, das ist eine Menge Aufwand für eine Nacht im eigenen Bett."

 

Aber da Perry offensichtlich von Adams Vorschlag begeistert war, gab er sich geschlagen und stimmte zu. Bald schon galoppierten die drei Männer nebeneinander über die Ebene nach Hause.

 

Es war weit nach Mitternacht, als sie endlich die Pferde versorgt hatten und müde ins Haus traten. Das Feuer im Kamin war schon fast niedergebrannt, aber der rötliche Schein der glimmenden Holzscheite reichte noch aus, so dass sie kein Licht brauchten. Adam steuerte zielstrebig auf die Sitzgruppe vor dem Kamin zu und ließ sich in den blauen Sessel fallen, Perry warf sich der Länge nach auf das Sofa und Little Joe lümmelte sich gemütlich in den rotbraunen Ledersessel.

 

"Das tut gut", stöhnte Adam und rekelte sich wohlig, "bin ich froh, wieder zu Hause zu sein

 

"Ich wusste schon gar nicht mehr, wie prächtig eure Hütte ist", murmelte Perry anerkennend und blickte sich um, als sähe er das Haus zum ersten Mal.

 

"Was macht ihr denn hier? Haben wir ein Problem? Ist etwas passiert?" fragte plötzlich eine besorgte Stimme vom Treppenabsatz her. Dort stand ein verstrubbelter Ben Cartwright in seinem dunkelroten Morgenmantel. Offensichtlich hatte ihn ihre leise Unterhaltung aufgeweckt.

 

"Guten Abend Pa", Little Joe setzte sich schnell auf, wohl wissend, dass sein Vater es nicht mochte, wenn seine Söhne auf den Möbeln herumlungerten, "keine Probleme, im Gegenteil, gute Nachrichten. Die Arbeit kommt besser voran als erwartet und wir haben uns deshalb eine Pause gegönnt. Das ist dir doch recht?"

 

"Sicher, die habt ihr euch bestimmt verdient", stimmte Ben beruhigt zu, "und morgen früh reden wir ausführlich über diese guten Nachrichten. Gute Nacht, Jungs." Er ging zurück nach oben, riet aber im Weggehen noch augenzwinkernd: "Ich schlage vor, ihr nehmt die Füße von den Möbeln, damit diese Hütte auch so prächtig bleibt."

 

***

 

Am nächsten Morgen bei einem ausgiebigen Frühstück hatten die beiden Brüder und Perry Gelegenheit, Ben ausführlich vom Fortschritt der Arbeit zu berichten, und dieser sparte nicht mit Lob und Anerkennung für ihren Einsatz. Obwohl sich keiner der drei beklagte, bemerkte der Rancher, wie erschöpft und abgekämpft sie waren, trotz der Nacht im eigenen Bett.

 

Fast als müsse er sie trösten, sagte er: "Es tut mir leid, dass das so eine harte Zeit für euch ist, aber es kommt so vieles zusammen. Wenn die Herde aus Oregon erst einmal hier ist, wird es wieder etwas ruhiger und ihr bekommt ein paar Tage Sonderurlaub, das verspreche ich."

 

Über die müden Gesichter huschte ein freudiges Lächeln. Plötzlich fiel Perry Hike das Gespräch vom Tag zuvor wieder ein.

 

"Diese 50 000 Dollar für die Herde, haben Sie eigentlich immer so viel Geld hier rumliegen?" fragte er vorwitzig, während es sich ungeniert zum dritten Mal Speck, Eier und Bratkartoffeln auf den Teller schaufelte.

 

Ben konnte ein Schmunzeln über die unbekümmerte Neugier des jungen Mannes nicht verbergen. "Warum willst du das wissen? Bist du knapp bei Kasse?"

 

Perry grinste: "Ich bin immer knapp bei Kasse, aber deshalb klau' ich nicht - jedenfalls nicht mehr", fügte er selbstkritisch hinzu, "ich hab nur noch nie soviel Geld auf einem Haufen gesehen."

 

"Verstehe", nickte Ben belustigt, "aber ich muss dich enttäuschen, das Geld ist noch auf der Bank. Sobald es hier ist, darfst du es anfassen - unter meiner Aufsicht natürlich."

 

Perry war so sehr Feuer und Flamme über diesen Vorschlag, dass er sein restliches Frühstück vergaß. "Und wann ist das Geld hier?" fragte er gespannt.

 

"Das weiß ich selber noch nicht, aber wenn plötzlich vier Mann vor dem Haus Wache stehen, ist es soweit", erklärte der Rancher und wechselte dann das Thema. "Little Joe, du wirst für mich gleich ein paar Dinge in Virginia City erledigen. Ich hoffe, du bist nicht zu sehr enttäuscht, dass du heute keine Zäune aufstellen kannst."

 

"Ja Sir. Ich meine, nein Sir", Little Joe war vor Freude völlig durcheinander. "Was soll ich denn tun?" Ben erklärte es ihm, während Perry und Adam ein bisschen neidisch zuhörten. Dann war das Frühstück beendet; die drei rüsteten zum Aufbruch und holten ihre Jacken und Hüte.

 

"Adam, mit dir möchte ich noch ein paar Dinge besprechen, bevor du wieder zu den Holzfällern reitest", hielt Ben den älteren Sohn zurück. Little Joe verschwand nach draußen, aber als Perry an der Tür war, bremste Ben ihn ebenfalls. "Perry, für dich habe ich auch einen Auftrag."

 

"Na toll. Vermutlich darf ich Little Joes Arbeit mitmachen", brummelte Perry missmutig und wandte sich Ben zu.

 

"Das wäre mir gar nicht eingefallen, junger Mann. Gute Idee", lobte Ben ironisch.

 

Perry verstand es zu Recht als leichten Vorwurf und lächelte verlegen. "Eigentlich ist es keine gute Idee. Tut mir leid, Boss. Ist mir so rausgerutscht."

 

"Ich dachte, es ist vielleicht besser, wenn Little Joe etwas Unterstützung bekommt. Du reitest mit ihm nach Virginia City und passt auf, das alles klargeht."

 

"Ja Sir!" Der Bursche strahlte übers ganze Gesicht und stürmte nach draußen, damit es sich der Rancher nicht noch anders überlegen konnte.

 

Adam blickte seinen Vater ungläubig an: "Du beauftragst Perry, um auf Little Joe aufzupassen? Da könntest du auch einen Fuchs beauftragen, den Hühnerstall zu bewachen. Wirklich Pa, sollte da nicht jemand dabei sein, der etwas mehr geistige Reife und Verantwortungsbewusstsein besitzt?"

 

"Geistige Reife und Verantwortungsbewusstsein?" wiederholte Ben amüsiert. "Wen schlägst du vor?"

 

"Nun, die Holzfäller kommen ganz gut ohne mich aus. Ich könnte..."

 

Ben lachte. "Netter Versuch, mein Sohn. Es tut mir leid, aber ich brauche dich hier auf der Ranch. Schau dir mal diese Aufstellung an ..." Bald waren sie in geschäftlichen Problemen versunken und vergaßen darüber auch die beiden Burschen, die in diesem Moment ausgelassen Richtung Virginia City galoppierten.

 

***

 

Little Joe und Perry hatten ungefähr zur Mittagszeit erledigt, was Ben ihnen aufgetragen hatte.

 

"Erlaubst du mir noch ein Bier, bevor wir zurückreiten, großer Aufpasser?" spöttelte Little Joe, als sie sich bei den Pferden trafen. Dass sein Vater Perry zur Kontrolle mitgeschickt hatte, nahm er genauso wenig ernst wie sein Freund. Die jungen Männer wussten genau, dass Ben beiden nur ein bisschen Zeit zum Ausruhen gönnte. "Ich hab' gehört, im 'Mexican Hat' bedient ein neues Mädchen, eine ganz niedliche, kleine Rothaarige. Wie wär's damit?"

 

Perry zögerte. "Der 'Mexican Hat' liegt am Ende der D-Street. Dein Pa sieht es bestimmt nicht gern, wenn wir uns da rumtreiben. Warum gehen wir nicht einfach in den 'Silver Dollar' oder in den 'Bucket Of Blood' auf der anderen Straßenseite?"

 

"Dein Pa sieht es nicht gern", äffte Joe seinen Freund nach, "im 'Bucket' ist nur Sam und keine kleine Rothaarige - deshalb!"

 

"Ich weiß nicht", murmelte Perry, immer noch unschlüssig, gab sich aber schließlich geschlagen, "also gut, zum 'Mexican Hat' - aber nur ein Bier, okay?"

 

"Ein Bier für dich und eine niedliche Rothaarige für mich", bestätigte Joe und marschierte los. Perry folgte ihm mit gemischten Gefühlen.

 

Als sie den 'Mexican Hat' betraten, wussten beide sofort, dass diese Kneipe keine gute Wahl gewesen war. Es war düster, schmuddelig, und nur ein paar zwielichtige Typen umlagerten die Theke. Und die beiden Frauen, die an einem Tisch im Hintergrund auf Kundschaft warteten, waren nicht rothaarig und bestimmt nicht niedlich. Aber die beide waren zu stolz, jetzt umzukehren. Little Joe ging zur Bar.

 

"Zwei Bier bitte" orderte er und ließ eine Münze auf den Tresen fallen.

 

"Was sucht'n der?" fragte der Barkeeper, ein schmieriger, fetter Typ mit Halbglatze und dreckiger Schürze, auf Perry deutend, der sich neugierig umsah.

 

"Der sucht eine kleine Rothaarige, die hier an der Bar bedienen soll", antwortete Perry ihm gelassen und grinste ihn dabei auch noch freundlich an.

 

Der Barkeeper fühlte sich verspottet und war empört. "Ich bediene hier. Sehe ich etwa aus wie eine kleine Rothaarige?" fauchte er wütend.

 

Nein - jedenfalls nicht auf den ersten Blick," bestätigte Perry mit einem zweideutigen Augenzwinkern und machte es dadurch noch schlimmer.

 

"Am besten, ihr beide verschwindet ganz schnell von hier. Ihr passt sowieso nicht hierher", zischte der Dicke hinter dem Tresen nun unfreundlich und erreichte damit genau das Gegenteil bei Perry. Der schaltetet auf stur.

 

"Mein Freund hat Bier bestellt und bezahlt. Wird's bald?"

 

Little Joe griff hastig nach dem Glas, das der wütende Wirt vor ihm auf den Tresen knallte. Er spürte das drohende Unheil und wollte so schnell wie möglich raus aus dieser Kaschemme. Aber Perry packte seinen Arm, bevor er trinken konnte, und hielt ihn fest.

 

"Das Glas ist schmutzig, gib ihm ein sauberes", befahl der junge Mann nachdrücklich und blickte dem Wirt herausfordernd an.

 

Es kam Little Joe wie eine halbe Ewigkeit vor, aber sicher waren es nur wenige Sekunden, bis der Dicke langsam das Glas zurücknahm und anderes vor ihn hinschob. In einem Zug kippte er ungefähr die Hälfte der lauwarmen, schal schmeckende Flüssigkeit hinunter, stellte dann das Glas zurück auf die Bar und nickte Perry auffordernd zu. "Mir reicht's. Lass uns gehen."

 

Draußen vor dem Saloon blieben sie noch einen Moment stehen. Perry schüttelte sich angeekelt und feixte dann: "Von wegen süße Rothaarige - du solltest den verklagen, der dir den Tipp gegeben hat."

 

"Verklagen ist viel zu gut", grollte Little Joe, "verprügeln werd' ich Adam."

 

Sie gingen ein paar Schritte, aber dann versperrte ihnen ein Mann provokativ den Weg. Little Joe und Perry, die waren, dass die Situation im 'Mexican Hat' nicht eskaliert war, wollten auch jetzt Ärger vermeiden. Aber sie konnten nicht zur Seite ausweichen, denn auch da war jetzt ein Mann wie aus dem Nichts aufgetaucht, der sie feindselig anstarrte. Und dicht hinter ihnen nuschelte plötzlich eine bedrohliche Stimme:

 

"Ihr habt Charly geärgert, das ist nicht gut - gar nicht gut."

 

"Wer zum Teufel ist Charly?" fragte Little Joe und fuhr herum. Zumindest die beiden Männer, die sich von hinten angeschlichen hatten, erkannte er, sie hatten noch vor wenigen Minuten im Saloon herumgelungert.

 

"Charly ist unser Freund. Ihm gehört der 'Mexican Hat'."

 

"Ach, der dicke Wirt" erwiderte Perry geringschätzig, "der hat keine bessere Behandlung verdient. Wenn dein Freund Charly weiterhin so unfreundlich ist, kann er seine Drecklochskneipe bald dichtmachen."

 

Der Mann antwortete nicht, statt dessen schoss unvermittelt seine Faust vor und knallte dem junge Mann mitten ins Gesicht. Der Angriff kam so überraschend, dass Perry nicht einmal Zeit blieb, auszuweichen, der Schlag traf ihn mit ganzen Wucht. Er machte einen unfreiwilligen Satz nach hinten und stolperte gegen einen der anderen Männer, die sie umringten. Der schlug ebenfalls sofort zu, und der junge Mann wurde in eine andere Richtung geschleudert.

 

Im Nu waren alle in die Schlägerei verwickelt, die schnell auch ein paar neugierige Gaffer anlockte. Perry und Little Joe hatten nicht die geringste Chance, denn die andern waren in der Überzahl und skrupellos genug, diesen Vorteil auszunutzen. Minuten später lagen die beiden wehrlos am Boden und immer noch prasselten Tritte und Schläge auf sie ein.

 

"Aufhören. Ihr bringt sie ja um. Aufhören, sag ich." Ein Fremder zwängte sich durch die Zuschauer und stürzte sich auf die Schläger. Einen nach dem andern packte er bei den Schultern und riss ihn zurück. Wer nicht sofort nachgab, wurde durch die Faust überzeugt. Schließlich hatte er die Männer von ihren Opfern getrennt.

 

"Haut ab, verdammt, ehe ich mich vergesse", brüllte er sie an und sie rannten augenblicklich los, "und ihr könnt auch verschwinden. Die Show ist vorbei."

 

Murrend gingen die Leute ihrer Wege; nur Little Joe, Perry und der Fremde blieben zurück. Der junge Cartwright quälte sich stöhnend wieder auf die Beine.

 

"Das war knapp - danke Sir", presste er mühsam hervor, die Arme gegen die schmerzenden Rippen gedrückt.

 

"War doch selbstverständlich. Bist du okay? Deinen Freund hier hat es offensichtlich schlimmer erwischt."

 

Der Fremde hatte inzwischen Perry, der immer noch reglos im Staub lag, vorsichtig umgedreht und kurz untersucht. Der junge Mann reagierte auf jede Berührung mit neuem Stöhnen, schien aber kaum wirklich wahrzunehmen, was um ihn herum vorging. Little Joe vergaß seine Schmerzen und kniete neben Perry nieder. Sein Freund erkannte ihn nicht, im Gegenteil, als Little Joe sich über ihn beugte, zuckte der junge Mann zusammen, als ob er weitere Schläge erwartete.

 

"Er braucht dringend einen Arzt. Gibt es einen hier in Virginia City?"

 

Es machte dem Fremden nicht die geringste Mühe, den leblosen junge Mann hochzuheben und auf seinen Armen zu tragen.

 

"Doc Martin wohnt gleich da drüben. Hoffentlich ist er daheim." Little Joe lief voraus und wies ihm den Weg. Doc Martin stellte keine Fragen, als die beiden mit der leblosen Gestalt auf den Armen vor seiner Tür standen.

 

"Bringt ihn da rein, dort auf die Liege", befahl er knapp, "ich hole meine Instrumente."

 

Die folgende halbe Stunde kümmerte der alte Arzt sich routiniert um den Patienten, während Little Joe kurz berichtete, was geschehen war, und danach beklommen auf das Ende der Untersuchung wartete. Der Fremde lehnte eine Weile am Türpfosten und hörte zu. Irgendwann verließ er für einen Augenblick den Raum und kam mit einem feuchten Tuch zurück, das er Little Joe hinhielt.

 

"Hier, kühl damit dein Veilchen. Wenn du nichts dagegen unternimmst, sind deine Augen morgen so geschwollen, dass du gar nichts sehen kannst."

 

"Danke Mister ... äh...ich weiß nicht mal ihren Namen, Sir. Ich heiße  Cartwright, Joe Cartwright."

 

"Harris, Percy Harris. Nett, dich kennen zu lernen,  Joe." Er schüttelte förmlich die dargebotenen Hand. "Nun, ich glaube, ich werde hier nicht mehr gebraucht, ich verschwinde jetzt. Doc, Joe." Er tippte zum Abschied kurz an den Hutrand und schon war er fort.

 

Doc Martin sah kurz auf, ohne jedoch die Arbeit an seinem Patienten zu unterbrechen.

 

"Little Joe, du brauchst auch nicht zu warten. Ich habe ihm was gegen die Schmerzen gegeben, davon schläft er ein paar Stunden. Du solltest nach Hause reiten, sonst macht sich dein Vater unnötig Sorgen."

 

"Ja, Sir, ich reite los, sobald ich weiß, was mit Perry genau los ist. Ist er schwer verletzt?"

 

Der Arzt lächelte beruhigend. "Dank Mr. Harris ist er noch mal davongekommen. Ich schätze, dein Freund hat noch ein paar Tage mächtige Kopfschmerzen, und die üblichen Blutergüsse und Prellungen müssen auch erst wieder verheilen, aber sonst ist er bald wieder wie neu."

 

Ben Cartwright war nicht gerade in bester Stimmung, als sein jüngster Sohn am späten Nachmittag mit einem zaghaften "Hi Pa" das Haus betrat.

 

"Warum hat das so lange gedauert? Ich hoffe, ihr habt eine gute Erklärung für fünf Stunden Verspätung", grollte er. Erst dann bemerkte er, in welcher Verfassung sein Sohn war und auch, dass er allein heimgekommen war. Der Ärger verwandelte sich sofort in Besorgnis. "Little Joe, was ist passiert? junge Mann, setze dich erst mal. Wo ist Perry?"

 

Little Joe druckste einen Moment herum, aber unter dem durchdringenden Blick seine Vaters riss er sich zusammen und schilderte ohne Umschweife, was geschehen war. Der Vater schüttelte ungläubig den Kopf, als sein Jüngster am Ende seines Berichtes angelangt war.

 

"Ausgerechnet im 'Mexican Hat' wollt ihr euch amüsieren. Eine schlimmere Kaschemme gibt es in ganz Virginia City nicht. Da geh' ja nicht mal ich freiwillig rein."

 

"Das konnten wir ja nicht wissen", murmelte Little Joe kleinlaut.

 

"Na, jetzt wisst ihr's jedenfalls", brummte Ben und unterdrückte ein Schmunzeln. Ihm fiel es schwer, streng zu dem Häufchen Elend zu sein, das da niedergeschlagen vor ihm im Sessel kauerte. "Wenn du dich prügelst, ist das deine Sache. Du bist alt genug. Aber ich erwarte, dass du morgen deine Arbeit tust, als ob nichts gewesen wäre. Am besten, du legst dich jetzt hin und ruhst dich aus. Und drück' was Kaltes auf dein blaues Auge, das hilft."

 

"Ja Sir." Erleichtert, so glimpflich davongekommen zu sein, sauste Little Joe die Treppe hoch in sein Zimmer.

 

***

 

Ben Cartwright staunte nicht schlecht, als er am späten Vormittag des nächsten Tages in die Küche kam, um sich frischen Kaffee zu holen. Jemand mit einem zerfetzten Hemd, Kopf und Arm bandagiert, über und über mit Blutergüssen und Schwellungen bedeckt, saß am Tisch, trank ein Glas Milch und aß dazu Rührei und eine Scheibe Brot. Erst beim zweiten Hinsehen erkannte er seinen Schützling.

 

"Perry, was machst du denn hier? Ich dachte, Doc Martin pflegt dich gesund."

 

"Hallo Mister Cartwright. Ich hoffe, Sie sind mir nicht böse, dass ich mich hier von Hop Sing bedienen lasse. Aber ich bin heute morgen ganz ohne was im Magen in Virginia City losgeritten, und jetzt hab' ich tierischen Hunger."

 

"Du kannst natürlich essen, was du magst. Aber wieso hat Paul Martin dich ohne Frühstück weggeschickt?"

 

Statt zu antworten, biss Perry zaghaft in sein Brot und kaute vorsichtig. Die meisten Schläge am Tag zuvor hatten Kinn und Kiefer getroffen. Der Rancher durchschaute das Ablenkungsmanöver und wartete. Schließlich konnte der junge Mann die Antwort nicht länger hinausschieben.

 

"Der Doc hat mich nicht direkt weggeschickt", gestand er zögern.

 

Ben Cartwright wurde langsam ungeduldig. "Und was bitte heißt 'nicht direkt' ?"

 

"Als ich losgeritten bin, schliefen alle noch."

 

"Wie kann man nur so unvernünftig sein", schalt der Rancher ärgerlich "hast du denn keine Augen im Kopf? Sieh einfach mal in den nächsten Spiegel und dann sag mir, ob man in so einem Zustand meilenweit reiten sollte!"

 

"Warum brüllt er bloß so? Ich hab' Kopfschmerzen", murmelte der junge Mann leise in sein Brot, aber Ben verstand ihn trotzdem.

 

"Ich brülle nicht!" brüllte er ärgerlich und fügte dann, allerdings etwas gedämpft, hinzu: "Ich will nur wissen, was du dir bei all dem Unsinn denkst. Erst der 'Mexican Hat' und jetzt diese Meisterleistung. Benutzt  du gelegentlich mal deinen Verstand?"

 

"Ich wollte doch nur möglichst schnell wiederkommen, damit der Zaun fertig wird", rechtfertigte der junge Mann sich trotzig, obwohl er selber schon gemerkt hatte, dass er sich kaum auf den Beinen halten konnte. Aber sein Stolz ließ nicht zu, diese Schwäche zuzugeben.

 

"Falls du es noch nicht bemerkt haben solltest, es arbeiten hier auf der Ranch noch ein paar Leute, die einen Zaun aufstellen können, und die sind auch schon damit beschäftigt", kommentierte Ben bissig. Allerdings verflog sein Zorn allmählich. Dass Perry so pflichtbewusst war und trotz Schmerzen arbeiten wollte, sprach für ihn. Und von der Gefährlichkeit der Kneipe hatten Little Joe und er ja offensichtlich nichts gewusst, wie sein jüngster Sohn am Abend zuvor beteuert hatte. "Ich halte es für das Beste, du legst dich gleich ins Bett. Solange du nicht wieder fit bist, bist du keine große Hilfe."

 

"Aber ich kann..."

 

"Perry - ins Bett!"

 

Ohne ein weiteres Wort stand der junge Mann auf und gehorchte schmollend.

 

***

 

Perry fuhr erschrocken aus dem Schlaf hoch. Er brauchte ein paar Sekunden um zu begreifen, dass das merkwürdige Geräusch, das ihn geweckt hatte, Little Joe war, der ein Tablett mit Essen hereinbalancierte.

 

"Warum weckst du mich?" knurrte er verschlafen.

 

"Damit du dein Abendessen isst", antwortete sein Freund gelassen.

 

"Abendessen? Spinnst du? Ich hab mich gerade erst hingelegt!"

 

Little Joe stellte das Tablett ab und setzte sich grinsend auf die Bettkante. "Irrtum. Du hast fast acht Stunden gepennt. Wie geht's dir denn jetzt?"

 

Perry wurde langsam wach. Er rieb sich verschlafen die Augen und streckte sich ausgiebig. "Acht Stunden - wirklich? Mist, dann hatte dein Vater wohl doch Recht. Wie immer. Ist er eigentlich noch sauer auf uns wegen der Geschichte vom 'Mexican Hat'?"

 

"Ach was. Ich glaube, er war wohl auch nie wirklich wütend. Es ist ja auch alles noch mal gut gegangen."

 

Perry dachte einen Moment darüber nach, dann lächelte er zaghaft. "Gutgegangen ist es wohl nur, weil du uns gerettet hast. Ich kann mich nur noch erinnern, dass ich ziemlich Prügel bezogen habe. Danke mein Freund."

 

"Den Dank schuldest du nicht mir. Bedanke dich lieber bei diesem Percy Harris. Wenn er nicht dazwischengegangen wäre, hätten die Kerle uns beide fertiggemacht."

 

"Percy Harris? Wer ist das?"

 

Little Joe erzählte seinem Freund nun in allen Einzelheiten, wie die Schlägerei vor dem 'Mexican Hat' beendet wurde und was sich danach ereignet hatte, während Perry sein Abendessen vertilgte.

 

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen besprach Ben Cartwright mit seinen Söhnen und dem wieder einigermaßen erholten Perry die Arbeiten, die am Tage zu erledigen waren. Als er Perry seine Aufgabe geben wollte, bat der junge Mann höflich:

 

"Darf ich heute die Post aus Virginia City holen, Boss? Ich muss in der Stadt noch etwas erledigen."

 

"Nein, das ist nicht deine Sache, das erledigt einer der Rancharbeiter", erwiderte Ben ablehnend.

 

"Du glaubst doch nicht im Ernst, dass Pa einen von euch beiden die nächsten drei Monate noch mal ohne Aufsicht in die Stadt lässt", mischte Adam sich augenzwinkernd ein, "nach dem Erfolg vom letzten Mal?"

 

"Aber ich muss in die Stadt", beharrte Perry und warf Ben einen flehenden Blick zu.

 

"Was musst du denn so dringend in der Stadt erledigen?" mischte sich nun auch Hoss ein. "Wenn ich du wäre, würde ich mich ein paar Tage von allen Saloons fernhalten."

 

"Ich will nicht in den Saloon. Ich möchte mich bei diesem Harris bedanken. Ohne ihn wären Little Joe und ich vermutlich nicht mit einem blauen Auge davongekommen."

 

"Im wahrsten Sinne des Wortes", lachte Hoss, "solche Prachtveilchen habe ich schon lange nicht mehr gesehen - und gleich in zweifacher Ausführung."

 

Little Joe und Perry quittierten diese Bemerkung mit einer Grimasse.

 

Der Rancher gab nach. "Also gut, du holst heute die Post und bringst die Hufeisen mit, die ihr vorgestern bestellt habt. Aber dann kommst du sofort zurück, okay?"

 

"Ja, Sir. Danke." Schon hatte er sich Hut und Jacke geschnappt und war verschwunden.

 

Einige Zeit später war die Post abgeholt, die Hufeisen aufgeladen und Perry machte sich nun daran, den hilfreichen Fremden zu suchen. Da er ihn aber noch nie gesehen hatte und Little Joes vage Personenbeschreibung auf jeden dritten Mann in Virginia City passte, hatte er kaum eine Chance, den Retter zu finden, obwohl er durch die ganze Stadt lief und überall herumfragte.

 

Sheriff Coffee schüttelte nur bedauernd den Kopf, nutzte aber die Gelegenheit zu einer Standpauke wegen des Besuchs im 'Mexican Hat'. Doc Martin hatte ebenfalls keine Ahnung, wohin der Fremde verschwunden war, nutze aber ebenfalls die Gelegenheit zu einer Standpauke, diesmal wegen des heimlichen Aufbruchs am Vortag. Es war schon fast Mittag, als Perry enttäuscht zurück zum Wagen ging.

 

"Na junger Mann, ich hörte, du hast überall nach mir gefragt. Hier bin ich."

 

Perry musterte den Fremden, der ihn angesprochen hatte, von oben bis unten: groß und kräftig, blond, weder besonders alt noch besonders jung, mit ziemlich heruntergekommenen Klamotten stand er da und grinste den junge Mann freundlich an. Der ahnte, wen er vor sich hatte.

 

"Mister Harris?"

 

"Der bin ich höchstpersönlich, aber nenn' mich Percy, das klingt nicht so förmlich."

 

"Okay, und ich heiß' Perry. Ich hab' dich den ganzen Morgen gesucht."

 

"Ich weiß. Warum denn? Hab ich was ausgefressen?"

 

"Nein, ich will mich bedanken für die Hilfe vorgestern." Er streckte dem Fremden die Hand entgegen und der Mann schlug lächelnd ein. Sie blieben eine Weile beim Wagen stehen und fachsimpelten über die Qualität der Saloons von Virginia City. Dabei fiel Perry auf, dass der andere unablässig zwei kleine Jungen auf der anderen Straßenseite beobachtete, die jeder mit Hingabe ein großes Butterbrot verspeisten. Der junge Mann begriff.

 

"Heute schon gefrühstückt?"

 

Der andere lächelte verlegen. "Nein, ich ...äh ...bin ein bisschen knapp bei Kasse, um ehrlich zu sein, da ist nur eine Mahlzeit am Tag drin", gestand er schließlich verschämt.

 

"Aber ich hab' etwas Geld. Und du bist eingeladen. Los komm!" grinste Perry und freute sich, dem anderen so für die Rettung danken zu können.

 

Bald saßen sie im Restaurant vom International House und futterten Steaks, Bratkartoffeln und Spiegeleier. Harris schaffte zwei große Portionen und konnte beim Kauen immer noch ununterbrochen reden. Irgendwann kam er auf Perrys Arbeit zu sprechen.

 

"Auf der Ponderosa arbeitest du? Muss ja 'ne mächtig feine Ranch sein, wenn man glauben kann, was die Leute so erzählen."

 

"Was erzählen die Leute denn?" fragte Perry neugierig, während er in dem Essen auf seinem Teller herumstocherte. Er war nicht hungrig, fand es aber unhöflich, Harris allein essen zu lassen.